12. Januar 2007
Das innere Selbst ausdrücken
“Der vollkommenste individuelle Selbstausdruck ist die objektivste Beschreibung der Welt. Der größte Künstler ist derjenige, der auszudrücken vermag, was von jedem Menschen empfunden wird. Und wie bringt er dies zustande? Dadurch, daß er SUBJEKTIVER ist als andere. Je getreuer er sich SELBST zum Ausdruck bringt, desto näher kommt er den anderen, denn unsere wahre Natur ist nicht unser eingebildetes beschränktes “Ich”. Unsere wahre Natur ist so weit und allumfassend und zugleich so unfaßbar wie der Weltenraum. Sie ist sunyata - Leere - im tiefsten Sinn.”
Dieses Zitat von Lama Anagarika Govinda, einem westlichen Buddhisten, hat mich immer schon sehr beeindruckt. In wenigen Worten trifft er, was ich in meiner gesamten bisherigen Schreiberfahrung als das Wesentliche erkannte und erlebte. Je oberflächlicher und “weltlicher” die Themen, desto größer ist der Dissenz, desto eher prallen Sichtweisen und Lebenstile aufeinander, desto eher herrscht Kontroverse und Krieg über “den rechten Weg”, “die richtige Sicht”.
Meine eigentliche Info-Quelle bin ich selbst. Ich schreibe aus mir heraus, bringe zum Ausdruck, was sich schreiben will, was wiederum Folge von Eindrücken ist - manche Eindrücke motivieren zum Schreiben, andere nicht. Ich HÖRE in mich hinein, wenn ich schreibe, und staune manchmal, was da alles kommt. Die AUFGABE, der REIZ ist dann, es möglichst unverfälscht zum Ausdruck zu bringen - also ungestört durch Ehrgeiz und Geliebt-werden-wollen.
Hier begegne ich dem inneren Kritiker und dem Zensor, die regelmäßig allerlei Bedenken tragen und mich am schreiben hindern wollen. Es geht dann nicht darum, sie einfach mundtot zu machen und zu übergehen, sondern sie kennen zu lernen und ihnen in bewusster Auseinandersetzung das jeweilige “ok!” abzutrotzen. Nach und nach werden sie weniger militant und nicken schon mal Dinge ab, die noch vor Jahren nicht in Frage gekommen wären - steter Tropfen höhlt den Stein!
Was mir an Anagarikas Statement weniger gefällt, ist die Rede vom “großen Künstler”. Es stimmt, dass “große Künstler” ihre jeweilige Kunst aus sich heraus schöpfen, doch wäre es auf jeden Fall ein Irrweg, ein großer Künstler sein zu wollen. Der Ehrgeiz ist eine Barriere, die es verhindert, einfach nach innen zu lauschen und ohne Urteil und Einmischung wahrzunehmen, was zum Ausdruck drängt. Wer “Autor werden” will, ist bereits nicht mehr bei sich selbst (griech: auto), sondern sucht Ruhm und Ehre, schaut auf den “Markt” und in die möglichen Verwertungsschubladen, was zur Mode der Zeit passen könnte und was nicht.
Wer dagegen einfach weiter schreibt, schreibt auch immer besser, erkennt sich schreibend selbst und damit auch die Anderen, die Menschen, die Welt.

Am 24. Januar 2007 um 15:44 Uhr
Dann schreibe hier doch weiter über dich. Ich finde den Ansatz gut, den Du hier verfolgen möchtest, zu große Schreibpausen sollten aber nicht auftreten. Passiert mir auch und ich rutsche immer noch oft in weltliche Themen ab, um dann festzustellen, daß das eigentlich nichts bringt bzw. es von mir wegführt.
Deine Begeisterung für das Zitat teile ich so nicht, da sind mir zuviele Vergleiche und Steigerungsformen drin.
Liebe Grüße,
Michael
Am 26. Januar 2007 um 16:02 Uhr
“Über mich” schreibe ich doch lange schon im Digital Diary - hier soll es ums persönliche Schreiben “als Textsorte” gehen. Die Zeiten, in denen ich mich von den eigenen Webseiten habe stressen lassen, sind gottlob schon länger vorbei! Zum Thema schreib’ ich was, wenn mir dazu was über den Weg läuft und ich den Impuls spüre, mich zu äußern - wenn nicht, dann halt nicht.
Über das neumodische Feature “Newsfeed” ist es ja jetzt auch leicht für die Leser, sich anzeigen zu lassen, wenn was Neues drin ist: Einfach das Favicon-Icon auf die Lesezeichen-Symbolleiste schieben (Firefox) und schon klappen beim Maus-Scroll über die Lesezeichen-Links die aktuellen Überschriften auf.
(Über “Social Bookmarking” wird ein neuer Text ebenfalls gut gefunden).
Lieben Gruß
Claudia
Am 1. Mai 2007 um 12:14 Uhr
Da muss ich doch gleich meinen Senf dazu geben, wo ich die eifrigste Tagebuchschreiberin war.:-)Ja, es stimmt, man läßt sich beim Schreiben oft lenken vom Gedanken an andere Schreiber. Kaum erahnt man, eine andere Person wird es lesen, verfällt man in Normen. Schreiben, was tatsächlich im Innersten sich regt, ist schwer wenn man gleichzeitig eine gute “Schreibe” haben möchte. Es soll hundertprozentig objektiv sein, aber beim späteren Lesen überraschen und nicht ein Kopfschütteln hervorrufen, weil man merkt: meilenweit von der Objektivität entfernt. Erinnerungen sind genauso schnell wieder verschwunden, wie sie manchmal kommen. Sie aufzuschreiben ist sooooo sehr reizvoll, weil man sie später nachlesen kann. Abrufen aus dem Speicher unseres Hirnes ist ja bekanntlich äußerst schwer.
Und diese Äußerung, man wär der größte Künstler, wenn man beleuchten kann, was andere empfinden: Ja, es ist eine große Kunst, sich in andere reinversetzen zu können, aber dafür, so denke ich, muss man nicht die eigene Objektivität beherrschen. Und wer sich mit der eigenen Objektivität auseinandergesetzt hat, muß doch nicht gleich Einfühlungsvermögen besitzen und wissen, was in anderen Menschen vor geht. Nur, wenn man Parallelen zu seinem eigenen Empfinden bei anderen entdeckt, kann man Schlussfolgerungen ziehn, was der andere fühlt. Für diesen Fall ist Tagebuch schreiben ein Segen, denn nur so, ist man sich unheimlich nah u. kennt sich in u. auswändig. Und das kann man so lange nachlesen bis es sitzt.:-)
Am 2. Mai 2007 um 07:59 Uhr
@ Kerstin,
du verstehst hier etwas grundsätzlich miss: OBJEKTIVITÄT ist absolut nicht das, worum es hier geht! Im Gegenteil, es ist totale SUBJEKTIVITÄT, in der ohne Absicht (!) der Durchbruch ins “allgemein Menschliche” gelingt, denn in der Tiefe sind wir alle gleich: wollen überleben, gut leben, bemerkt und geliebt werden etc.
WEDER das Bemühen um “gute Schreibe”, noch der Gedanke an irgendwelche Leser führen weiter, sondern geradewegs in die Irre! Bei sich bleiben und einfach berichten, was man da sieht - DAS ist hier gemeint! So sagt es auch Govinda
“Und wie bringt er dies zustande? Dadurch, daß er SUBJEKTIVER ist als andere.”
LG
Claudia
Am 15. Januar 2008 um 15:16 Uhr
Ich ärgere mich schon sehr,wenn ich wo was schreibe,glaube,es wird verstanden,aber hach:Wo bleibt denn nun die Geschichte? Ich schrieb nicht zurück:Dummbatz,das war sie doch schon,lies mal noch mal.Nein,ich schrieb:nun,irgendwann kommt die Weihnachtsgeschichte-obwohl ich an Weihnachten noch nichts Prickelndes finden kann.Schön aber,wenn da Erwartungen sind.Und:ein Schreibender lebt nicht von Brot allein,heißt:irgendwann soll das Früchte tragen.
Am 27. April 2008 um 11:08 Uhr
Ja, der innere Kritiker sieht sich eben als Experte in jedem Gebiet und mischt sich überall ein.
Wie man mit diesem inneren Anteil umgehen kann, wie er entstanden ist usw. habe ich in einem längeren Artikel beschrieben.