Erotisch Schreiben: Vom Spannungsfeld zwischen Lust und Literatur
"Schmuddelig sind immer die anderen", so überschreiben Sophie Hack und Stephanie Kuhnen ihr Kapitel zur Erotik im Deutschen Jahrbuch für Autorinnen und Autoren. Was dann folgt, ist der Versuch, das "bloß Pornographische" vom "literarischen" erotischen Schreiben säuberlich zu trennen - nicht ohne einen amüsiert-verächtlichen Blick auf die unzähligen "Erotic Stories" im Internet: Als "völlig talentfreie Zonen" erscheinen den Autorinnen die vielen Foren und Communities, in denen Männer und Frauen aus unterschiedlichen Motiven ihre (zugegeben oft wenig kunstvoll verfassten) Geschichten und Fantasien veröffentlichen.
"Such dir ein Jahrhundert aus", sagte ich. "Willst du über blutjunge etruskische Sklavinnen lesen, über georgianische Lebemänner? Ich glaube, wir haben Literatur über Flagellationsbordelle. Wie wäre es mit dem Mittelalter? Wir haben Inkubi und Sukkubi. Nonnen in Hülle und Fülle."
"Was dir am liebsten ist."
"Ich möchte, dass du dir was aussuchst. Das ist erregender..."
"Ich lese vor", sagte sie. "Aber ich lese nichts, bei dem, in Anführungszeichen, Männer in Frauen stecken oder Männer in Frauen eindringen. ,lch drang in sie ein'. ,Er drang in mich ein.' Wir sind doch keine feindlichen Länder oder besetzte Häuser. ,lch wollte ihn in mir spüren', als ob er ganz hineinkriechen, sich ins Buch eintragen, schlafen, essen und so weiterwollte. Können wir uns darauf einigen? Es ist mir egal, was die Leute machen, solange sie nicht eindringen oder in sie eingedrungen wird."
"Einverstanden."
"Ich drang ein und begann in sie zu stoßen."
"Ich bin absolut deiner Meinung."
"Dring in mich ein, dring in mich ein, ja, ja."
"Alberne Ausdrücke, wirklich."
"Nimm mich, Rex, Ich will dich in mir spüren, fest, fester, ja, jetzt, oh!"
Ich spürte, wie sich eine Erektion anbahnte. Wie dämlich und völlig unpassend. Babette lachte über ihre Sätze ...
Don DeLillo: "Weißes Rauschen".
Dieser "Literatenblick" auf das vielfältige Geschehen in den Netzen bleibt an der Oberfläche hängen und wird dem Phänomen "Erotisch schreiben" nicht gerecht. Seit es für jedermann und jedefrau möglich ist, nach Belieben eigene Texte zu veröffentlichen, ohne gleich den Ansprüchen und Verfahrensweisen traditionell produzierender Verlage genügen zu müssen, entwickelt sich ein weites Feld erotischer Textsorten, die mittels "Schmuddelporno hier, GUTE Literatur da" nicht mehr so einfach bewertet und abgehakt werden können.
Warum? Zum Beispiel weil sich so manches Kriterium, das eine erotische Szene als "literarisch" kennzeichnet, vom Kontext herleitet, in dem sie traditionell stand: als Teil einer Romanhandlung muss sie "die Geschichte voran bringen", darf also nicht Selbstzweck sein, sprich: nicht ausschließlich der Lust der Leserinnen und Leser dienen. Damit fallen - wie ich meine, zu Unrecht - all jene Texte durch das Sieb, die auf eine "Rahmenhandlung" wenig Wert legen, sie allenfalls kurz anreißen. Oft ist das nämlich kein Versäumnis oder Unvermögen der Autoren, sondern erklärt sich aus dem Sinn und Zweck solcher Texte: die Geschichte, die hier "voran gebracht wird", ist eben nicht der Roman, der als Buch im Regal der Buchhändlerin landen soll, sondern die ganz konkrete Geschichte zwischen Autor/in und Leser/in - und zwar im richtigen Leben, online und offline. Der erotische Text ist oftmals persönliche Kommunikation, bevor er das Licht einer breiteren Öffentlichkeit erblickt (sofern das überhaupt angestrebt wird), oder er wurde geschrieben, um die Suche nach einem ähnlich gesinnten Gegenüber zu unterstützen. Auf nicht wenigen Texten finden sich die E-Mail-Adressen der Autoren - und es ist ja wirklich wahr: Im Gespräch über einen Text kann man sich wunderbar "beiläufig" kennen lernen, ohne sich der manchmal drastischen Direktheit eines Single-Treffs oder Kontaktanzeigen-Markts aussetzen zu müssen.
Bedeutet diese Zweckbestimmung nun alleine schon, dass die Szenen und Geschichten als ausschließlich pornographisch und nicht literarisch anzusehen sind? Keinesfalls. Wer sich die - mal mehr, mal weniger lustvolle - Mühe macht, sich in die "Erotic Stories" der Netze einzulesen, wird gewaltige Qualitätsunterschiede feststellen. Und zwar sowohl, was das "Literarische" angeht, als auch im Sinne des mittels Text transportierten "Lust-Faktors".
Aus dem Nähkästchen
Obwohl ich immer schon schreibe und seit etlichen Jahren im "Digital Diary" auch sehr persönliche Texte ins Web stelle, wagte ich mich erst spät ans "erotische Schreiben". Es entstand ganz "natürlich" im Rahmen eines langen, intensiven Mailwechsels mit einem fernen Geliebten, den ich in den Netzen kennen gelernt hatte. Zwar gab es immer wieder mal Besuche, Sternstunden im "Real Life", doch der "Alltag" dieses Miteinanders läuft über Medien: E-Mail, Telefon, SMS. Schon bald flossen meine erotischen Wünsche und Fantasien als Texte in die Tasten. Ich schrieb, was ich mir erträumte, freute mich über die positive Resonanz in Gestalt einer Szene oder eines Gedichts, und hatte nicht das geringste schlechte Gewissen, dass etliche meiner Texte nun wirklich nicht jugendfrei und gelegentlich sehr explizit gerieten.
Schon bald verselbständigte sich diese Schreiberfahrung: Meine Ansprüche stiegen mit jeder Geschichte, von der ich schon bald erwartete, dass sie für sich stehen kann, also mit Genuss auch von "unbekannten Dritten" gelesen werden könnte. Dazu braucht es keine Romanhandlung, aber doch eine Grundidee für die Story: Es muss um etwas gehen, wenn ein erotisches Spiel gespielt wird - und sei es "nur" der Versuch der Protagonisten, ihre Angst oder ihre Hemmungen zugunsten der Lust zu überwinden.
Ich begann damit, im weiten Web Geschichten anderer Autorinnen und Autoren zu lesen und stellte fest, dass mich viele davon gänzlich unberührt ließen, ja langweilten! Woran das wohl liegen mochte? Es war recht spannend, dem "Erregungs-Faktor" nachzuspüren: Was macht eine Story für mich tatsächlich erotisch? Wie viel davon verdankt sich ausschließlich individuellem Geschmack und persönlicher Neigung? Was davon ist vielleicht verallgemeinerbar?
Schreiben - mitschreiben - Coaching
Ich lernte andere Geschichten-Schreiber kennen und tauschte mich über diese Fragen aus. Vom lockeren Plaudern über Erotisches (das zuvor nicht zu meinen Talenten gehört hatte!) über respektvolle gegenseitige Textkritik bis hin zum lustvollen interaktiven Schreiben an einer gemeinsamen Fantasie: die Bandbreite der "Kontakte" in Sachen "Erotisch Schreiben" war groß und brachte mir ebenso großen Gewinn. Bald schon fand ich mich in der Situation, die Geschichte eines liebenswürdigen, eher schüchternen, aber in seinen Texten "Äktschn-besessenen" Autors so umzuschreiben, dass sie auch für Frauen erregender wurde - ein Absatz von etwa 900 Zeichen wuchs so schnell auf zwei Seiten, zu denen er dann meinte, das sei jetzt tatsächlich "viel intensiver" und ich solle ruhig weiter machen.
An dieser Stelle bemerkte ich, dass ich doch lieber an der eigenen aktuellen Story weiter schreiben wollte, anstatt seine zu verbessern und ihm eine vielfältigere "Sicht der Dinge" zu vermitteln. Noch war ich nicht willens, Dienste zu leisten, sondern wollte selber weiter forschen und experimentieren. Also verwies ich ihn auf "selber schreiben" und zeigte ihm auf, welche Blickwinkel und Ebenen er vernachlässigte, so dass seine Geschichten zu hölzernen Marionetten-Theatern gerieten. Er erkannte, dass die rein äußerliche Beschreibung von Handlungsabläufen nun mal (außerhalb technischer Gebrauchsanweisungen) keinen TEXT mehr rechtfertigt. Lange schon hat ja die Menschheit den FILM erfunden, der alles "aufs Schärfste" bietet, was sich der voyeuristische Blick an erotischer Oberfläche nur wünschen mag. Texte können und sollen mit Bildern nicht konkurrieren - das gilt vielleicht ganz allgemein, bestimmt aber für erotische Szenen.
"Erotisch schreiben" - Literatur oder Lust und Leidenschaft?
"Nimm mich, Rex, Ich will dich in mir spüren, fest, fester, ja, jetzt, oh!" Wer so etwas hinschreibt, kommt sich vielleicht verwegen vor, wenn es das erste Mal ist. Beim zweiten Auftauchen des Gedankens sollten eigentlich die Finger schon beim Eintippen streiken: So ein Satz mag - laut ausgesprochen - im passenden Moment stimulierendes Potenzial haben, nicht aber als geschriebener Monolog in einer guten erotischen Geschichte. Wer sich auf erotisches Schreiben einlässt, merkt schnell, dass literarische Aspekte auch in Texten nicht vernachlässigt werden müssen, die vor allem "zu Lustzwecken verfasst" werden und damit einer verbreiteten Pornografie-Definition entsprechen. Vielfalt im Ausdruck, das Einbeziehen mehrerer Dimensionen des Erlebens, eine dramatische Grundidee der Szene, Auslassen und Andeuten als bewusste Lücken für die Fantasie der Leserin/des Lesers - das sind nur einige Punkte von vielen, die einen erotischen Text gleichzeitig in Richtung Lust UND Literatur verschieben können. Punkte, die man lernen kann: alleine, oder im Austausch mit anderen Schreibenden und Lesenden.
Wie "schmuddlig" man erotische Geschichten insgesamt findet, seien sie nun mehr oder weniger literarisch, hängt - neben der Qualität der Texte - auch sehr von der persönlichen Haltung zu Sex und Erotik ab. Das eigene Begehren, das sich jeder rationalen Kontrolle entzieht, ist für Menschen immer schon etwas tendenziell Verstörendes gewesen, das auf vielerlei Weise "gebannt" werden musste: Reglementierung, Verbote, Tabus und mannigfaltige Formen der Diskriminierung reichen bis in unsere Tage, trotz der oberflächlichen Omnipräsenz des Erotischen, die heute unseren medialen Alltag bestimmt. Die Geschichte der verschiedenen Gegen- und Befreiungsbewegungen in Sachen Sex ist ebenfalls vielgestaltig, doch nichts, was zum kollektiven "So soll es sein" erhoben wird, kommt beim Individuum als persönliche Freiheit an, sondern gebiert nur neue Formen der Unterdrückung und Selbstverbiegung.
Es bleibt also letztlich Sache jeder einzelnen Frau und jedes einzelnen Mannes, zur Erotik ein lustvoll-harmonisches Verhältnis zu gewinnen - oder daran zu scheitern. Erotisch schreiben kann eine Methode sein, den eigenen psychosexuellen Kosmos zu erforschen: ich entwickle Szenarios, die ich mir erträume oder fürchte, versetze mich dabei zeitweise in die verschiedenen Protagonisten, erlebe, was sie erleben und schreibe mit. Eine Weile betrieben, immer entlang an der eigenen Lust, schreibe ich mich so recht schnell durch die innere Fantasienlandschaft und erkenne beiläufig ihre Bedingtheit: üblicherweise zeigt sie gerade jene Handlungen, Empfindungen und Situationen als lust-besetzt, die ich im Alltag meiden, ja fliehen würde. Wie einfach, lehrreich und lustvoll zugleich! Auf einmal kann ich mich "ganz" sehen, ohne zu erschrecken. Und mehr noch: indem ich darüber schreibe, bekomme ich auch mit, wie veränderlich diese inneren Landschaften sind - ich kann mich sogar von anderen inspirieren lassen, in zunächst fremde Lust-Szenarios einsteigen und mit Staunen feststellen: SO entlegen ist das gar nicht...
Ob man das erotische Schreiben nun als Teil der "Reise zu sich selbst" benutzt oder als spielerische Erweiterung kommunikativer Möglichkeiten in den Zeiten der Netze: wer daran Freude hat, braucht sich nicht "wegen Porno" zu schämen, sondern kann viel dabei gewinnen - nicht zuletzt den aufrechten Gang gegenüber den irrationalen Anteilen des Mensch-Seins. Dass dabei auch die literarische Qualität der Texte wächst, geschieht fast von selbst: Gut schreiben kommt (auch) vom viel schreiben.
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